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Zur Ausstellung
DIE KÖNIGIN DER SCHLAFZIMMER
Die italienische Bettpuppe zwischen Fruchtbarkeit und Verführung
Ein dreiteiliger Objekt-Plastik-Fotografiezyklus, der die italienische Bettpuppe zum Ausgangspunkt nimmt, um Körperlichkeit, Verführung, Gewalt und Emotionskerker aufzuzeigen.
Die italienische Bettpuppe („bambola da letto“) ist ein kulturhistorisch faszinierendes, bislang kaum erforschtes Phänomen der 1950er- und frühen 1960er-Jahre. Sie war weder Kinderspielzeug noch bloßes Dekorationsobjekt, sondern ein Fetisch – ein ambivalentes Symbol zwischen Unschuld und Erotik, Fruchtbarkeit und Verführung.
Die Künstlerin Theres Cassini widmet sich diesen Doppel-bödigkeiten in ihren fotografischen Inszenierungen, die bereits 1998 entstanden. Ihre Arbeiten entkleiden die Bettpuppe und machen Brüche sichtbar: Schönheit und Verfall, Erotik und Gewalt rücken irritierend nahe zusammen. Das Unheimliche im scheinbar Harmlosen.
Oft wurden diese Puppen frischvermählten Paaren geschenkt, mitgebracht vom Italienurlaub. Beim täglichen Bettenmachen erklang ein langgezogenes „Mama“ aus dem Bauch der Puppe, hervorgerufen durch einen eingebauten Sprechmechanismus.
Ein Signal, direkt in das Unbewusste junger Frauen gesendet.
Mit den gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er-Jahre verschwanden die Bettpuppen aus den Schlafzimmern. Heute erscheinen sie wie Relikte einer kollektiven Erinnerung, Kuriositäten der Nachkriegskultur.
Die Ausstellung im Kulturforum Amthof greift diese Mehr-deutigkeiten auf. Mit großformatigen Fotografien und Bild-geschichten, die im Galerieraum zu sehen sind, schafft Theres Cassini eine ganz persönliche Interpretation dieser Ikonen eines tabuisierten häuslichen Raumes. Es sind die ersten Abzüge von Aufnahmen, die vor beinahe 30 Jahren entstanden.
Neun restaurierte Originalpuppen aus den 1950er-Jahren ruhen auf Barhockern im Turmzimmer. Ein Videomonitor in der Mitte zeigt Interviews mit Zeitzeug:innen, die von ihren Erinnerungen und verstohlenen Blicken in die Schlafzimmer der Eltern oder Großeltern berichten. Dort thronten sie, mittig auf dem Volant umrahmten Ehebett sitzend, kindesgroß, mit ihren weit ausgebreiteten Rüschenkleidern und lasziven Schmollmündern.
Im mittelalterlichen Gewölbe des Amtshofs setzt Cassini ihre Auseinandersetzung mit dem Thema in zwei großformatigen Installationen fort: 21 nackte Bettpuppen, mit wuchernden Formen, die an innere Organe erinnern, ihren Blick auf ein amorphes Höherwesen richtend. Im Hauptraum eine weißgetünchte, von einem Schleier umhüllte Kirchenkrippe, aus der eine hautfarbene Masse hervorquillt.
Theres Cassini konfrontiert die Betrachterin und den Betrachter mit dem Bedrohlichen und Verdrängten. Eine Inszenierung von Abjektion, Transformation und Metamorphose.
Franz J. Schaudy

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