Eliabeth von Samsonow

zu Theres Cassinis „kinetischen Plastiken“

Fliegende- Entities

Unter Skulptur und Plastik versteht man alles Mögliche, weit ausgreifende Anlagen aus anonymen Materialien, gewichtige Fabrikate aus Metall und Stein, hölzerne und papierene Körper, repräsentativ, monolithisch oder installativ, d.h. im Raum verteilte Elemente. Die Moderne fing an, sich vorzustellen, dass der Boden nur das ihm allzu ähnliche Echo der Decke ist. Warum also nicht alles von der Aufhängung her, anstatt vom Hinstellen (lat. statuare, als vom Statuen-Machen) aus denken und entwerfen? Die Aufgaben der Skulptur wurden als parallel mit der Aeronautik gesetzt, was gut zu sehen ist in Alexander Calders und César Manriques Mobiles und kinetischen Plastiken.
Ein sehr schönes jüngeres Beispiel für eine Interpretation von Skulptur als Levitation oder Suspension sind die Arbeiten der hierzulande nicht sehr bekannten Gloria Kisch, die ihre feinen, polierten Edelstahlgebilde über Kettenzüge von der Decke hängen lässt, wobei in ihrem Fall dann in gleicher Weise die nach oben strebenden wie die nach unten tendierenden Kräfte zu spüren sind.

In den Arbeiten von Theres Cassini werden die Vektoren der Schwerkraft dem absoluten Willen zur Leichtigkeit untergeordnet, die über Architekturen aus Draht gezogenen textilen Gebilde charakterisiert. In Theres Cassinis Arbeiten wird die Skulptur wieder zum Kleid, was sie auch ganz ursprünglich war, nämlich diejenige Hülle (hyle, griech. Materie), auf deren (Ober)fläche sich die Welt erklärt. Sie schweben, Theres Cassinis biomorphe textile Skulpturen, die sie bevorzugt von der Decke hängen lässt, manchmal auch in mobile-artige Konstellationen arrangiert , einander austarierend, ballettartig. Das Ideal ist die über den Köpfen, wie in einem Traum schwerelos schwimmende, auf jeden Hauch reagierende Skulptur, die zur Welt der Phantasie gehört.

Die Formensprache Theres Cassinis erinnert an ein Archiv der prinzipiellen Körper, der kleinen, biologischen Einheiten, also an Zellen, Viren und Bakterien. Indem sie diese über den Köpfen schwimmen lässt oder auch gelegentlich luftig aufs Podest setzt, legt sie das Niveau, auf welchem der Zusammenhang zwischen Körper und Skulptur definiert wird, auf die subkutane Ebene, auf die zelluläre, die erfinderische. Die mikroskopischen Wesen, die beizeiten auch an die unerhörten Bildungen der Tiefsee appellieren, könnten ja nun tatsächlich diejenigen sein, die die Ausformungen der Groß-Weltkörper mitbestimmen. Wie im ganz Kleinen, so im ganz Großen. Sie sind wie Urkörper. In Räumen, in denen Theres Cassinis Wesen schweben, schwimmt man mit ihnen, psychonautisch.


                       









Die neue Gruppe von fliegenden Objekten präsentiert sich als Schwarm.
Im Unterschied zu den bionischen Wesen der ihnen vorhergehenden Werkphase, die allesamt als singuläre Ereignisse in einer alchemistischen Schneiderei ausgefallen waren, mit ihren bizarren Formen, Flächen und Hüllen, sind diese neuen als Gurken erkennbar, alle vom selben Stamm. Mit ihnen dringt Theres Cassini ein in die Strukturlogik lebendiger Körper. Denn die Gurke oder das Gurkenförmige, also die von ihren beiden Polen her als in die Länge gezogen gedachte Kugel, dürfte so ziemlich die überlegenste Form in diesem Reich sein. Sie kommt in allen Abteilungen der Wesen vor. Nicht nur, dass die Gurke die Dynamik des Wachstums unter dem Einfluss der Wirkung von Bipolarität demonstriert, also so sehr Erdkind ist wie kaum etwas anderes. Ihre Dehnung verrät auch Intention und Interesse des lebendigen Körpers, seinen Willen, hinüberzugehen von hier nach dort. 

Der gestreckte Körper ist Leib-in-der-Welt, auf die einfachste und interessierteste Weise. Dass er nicht zum Pfeil wird, verdankt er dem Umstand, dass er in seiner Leiblichkeit sich selbst will, trotz seines Ausgesetztseins und Hinüberwollens. So ist die Gurke maximales Volumen bei maximaler Dehnung, was in der Natur als Prinzip oft zu finden ist, selbst bei Lebewesen, die noch Extremitäten haben, wie beispielsweise das Schwein.
Der Wurm strapaziert die Gurkennatur nach Bedarf, wobei ihm seine Elastizität zu Hilfe kommt. Der göttliche Regenwurm führt vor, wessen lebende Gurken fähig sind, welcher Dehnung  sie schadlos fähig sind. Und was sie leisten, in Bezug auf den Übergang von hier nach dort, nicht zuletzt im Umarbeiten der geo- und biologischen Schichtungen zum Wohle aller. Die Gurke ist reine Kommunikation unter dem Vorzeichen der Geltung absoluter Leiblichkeit. Dieses bionische Register ist für die Formfindung der Künstlerin leitend.

Theres Cassinis Brüder und Schwestern der See- oder Tigergurke sind nicht nur der Idee der Gurke verpflichtet, sondern brillieren auch in der Vergrößerung der Oberfläche, die durch Raffung, Plissierung und Knautschen der Haut zustande kommt. Die Faltung der Oberflächen der schwebenden Objekte ist mannigfaltig, weist sie als Komplizen der wuchtigen Früchte Asiens aus, die mit tief zerklüfteten Schalen sich ekstatisch ins Milieu recken.

In Theres Cassinis Installation konspirieren die menschlichen und die sie umschwebenden Gurkenkörper, was die menschlichen Körper in ihrer merkwürdigen Spezifizität bloßstellt und sie (noch) rätselhafter macht. Das Gurkentum reicht im Übrigen weit hinein ins Organische, die Grund- oder Stammleiber sind immer gurkenförmig, bevor sie mit Extremitäten verziert, garniert oder instrumentiert werden.

Cassinis Gurken unterscheiden sich von Erwin Wurms Gurken, und dennoch ergänzen sie dessen Inventar von Gurken und Würsten um die primordiale biologische, also um die nicht-domestizierte Vorform einer bildhauerisch relevanten Physis. Alle Flugkörper (technisch, militärisch), alle substantiellen Pillen (Inhalt intus nehmen, idealer Stromlinie), alle Mikroben (Invasion), alle Großfahrzeuge (Zeppelin, Züge, Busse, U-Boote) konkurrieren bionisch mit der Ur-Gurke. Theres Cassini spielt raffinert mit der großen, überlegenen Intruder-Form, erteilt eine künstlerische Lektion oder spielerisch-therapeutische Habitus-Übung in Urkörper- Empathie.