über Märchen



Bild aus Kewpie & Johnny, von Elfen verzaubert

von Franz J. Schaudy

Märchen sind Bewältigungsversuche. Sie entstehen aus konkreten Anlässen.Wir phantasieren und erfinden Geschichten, um uns daraus Trost zu holen, um die Realität erträglicher zu machen. Dabei spielen (in unserer Kultur) Katzen eine wichtige Rolle. Sie sind ideale Projektions- und Identifikationsflächen.

"Phantasiegebilde sind nicht real, aber die Zuversicht, die sie uns einflößen, ist real", schreibt Bruno Bettelheim* 1975 in "Kinder brauchen Märchen".
Nicht nur Kinder brauchen Märchen, wir alle brauchen Märchen. Märchen arbeiten subversiv gegen die kollektive Verdrängung und Tabuisierung von Krankheit und Tod.
Wir brauchen sie nötiger denn je.

Märchen ermöglichen es uns, unbewusste Konflikte, Bedürfnisse, Sehnsüchte und Ängste in der Phantasie aufzuarbeiten.
Sie lehren uns auch, wie man aufgrund starker emotionaler Bindung hohe emotionale Sicherheit erreichen kann. Beziehungen, die auf einer derartigen Sicherheit aufbauen, geben uns die Kraft, über uns selbst hinauszuwachsen. (siehe auch "Kewpie & Johnny - Von Elfen verzaubert").

Die wohlwollende Hilfe von außen, ein wesentlicher Bestandteil von Märchen, wird in Kewpie & Johnny in Venedig in Form der Tauben angeboten. Sie sind bedeutsame Symbolträger, die Beherrscher von Endlichkeit und Ewigkeit, von Leben und Tod. Ihre Unterstützung ermöglicht es den Darstellern, "übermenschliche" Energien zu entwickeln und heldenhaft zu agieren.

Märchen arbeiten mit viel Symbolik. Mit kleinen und großen Andeutungen, mit Sinnbildern - im Inhalt, im Text und besonders in Illustrationen und Bildern. Auch die Geschichte von "Kewpie & Johnny in Venedig" ist in eine Vielzahl von (verborgenen) Symbolen eingebettet. Wie es für Märchen eben typisch ist.
Nur über diesen Umweg ins Unbewusste kann eine positive Bewältigung existentieller Ängste gelingen.


* Bruno Bettelheim:
Bruno Bettelheim wurde 1903 in Wien geboren, promovierte zum Dr.phil. an der Universität Wien. 1938 wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald interniert. 1939 gelang ihm die Flucht und Emigration nach Amerika.
In seinen Arbeiten zur Kinder- und Sozialpsychologie brach Bettelheim mit traditionellen Erziehungsmustern und begründete ein modernes Konzept gewalt- und straffreier Förderung der kindlichen Entwicklung. Weltberühmt wurde er durch seine Pionierarbeiten mit autistischen Kindern.
1990 starb er in Silver Spring/USA.
Seine Hauptwerke: "Liebe allein genügt nicht" (1950), "Kinder brauchen Märchen" (1975)

Franz J. Schaudy, Dr.phil., geboren 1952
Studium der Psychologie an der Universität Wien.
Lebt und arbeitet als Psychologe in Wien.
www.schaudy.at